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  #1  
Alt 25.11.2013, 17:27
Udo Beier Udo Beier ist offline
Administrator
 
Registriert seit: 23.01.2007
Beiträge: 1.389
Frage Risikobehaftete Entscheidungen

Ahoi!

Sicherheitsaufklärung kann auf verschiedene Art & Weise erfolgen, z.B.:

Vermittlung von theoretischen (Grund-)Kenntnissen: In Frage kommen hier Indoor-Kurse, die in der Regel auch immer zur Erhöhung der Sicherheit beitragen können. Zu denken ist hier an folgende zu vermittelnde Inhalte: z.B. Gezeiten-, Wetter-, Gewässer-, Navigations-, Verkehrskunde; Fahrtenplanung, Gruppenführung, seetüchtige Ausrüstung, Paddeltechniken und Rettungsmethoden.

Sammlung praktischer Erfahrungen: Gedacht ist hier an Outdoor-Kurse bzw. Touren, bei denen Kanutinnen und Kanuten unter Aufsicht, ansonsten aber sehr selbständig im Rahmen des „Learning by Doing“ eigene Erfahrungen sammeln sollen.

Analyse von Seenotfällen: Aktuelle Seenotfälle werden auf ihre ganz konkreten Ursachen hin in einer Art Fall- & Fehleranalyse untersucht, aufbereitet und bereitgestellt, um anderen die Möglichkeit zu bieten, aus den Fehlern Dritter zu lernen.

Aber auch durch die:

Herausarbeitung von typischen Entscheidungsmustern, die zu Seenotfällen für können: Diesem Aufklärungsansatz liegt die Idee zu Grund, dass jeder Seenotfall wohl auf konkrete Fehler zurückzuführen ist, dass aber hinter jedem Fehler ein bestimmtes Entscheidungsmuster steht, das letztlich ursächlich dafür ist, dass diese Fehler gemacht wurden.

Im Folgenden soll sich mit solchen Entscheidungsmustern auseinandergesetzt werden, die uns veranlassen, nicht alles zu unternehmen, was für unsere Sicherheit wichtig ist. Ziel ist es, zu einer Versachlichung der Unfallursachenanalyse beizutragen, die uns daran hindert, sich von den Unfallursachen einer bestimmten Person zu distanzieren, z.B. nach dem Motto: „Solch dumme Fehler können mir doch nicht (mehr) passieren!“ Sie spricht insbesondere die erfahreneren Küstenkanuwanderer an, die ansonsten beim Thema „konkrete Fehlermöglichkeiten beim Küstenkanuwandern“ nicht mehr ansprechbar sind, weil sie eigentlich meinen, genug über das Küstenkanuwandern zu wissen.

Ich beziehe mich dabei auf eine Unfallanalyse, die versucht, die Entscheidungen von Wintertourengehern zu typisieren, die ursächlich für Lawinenunfälle wurden:

http://avtrainingadmin.org/pubs/mccammonhtraps.pdf (2004)

Danach haben Wildwasserfahrer diese Entscheidungstypologie aufgegriffen und „eins zu eins“ auf das Paddeln im Wildwasser übertragen:

http://whitewaterrescue.blogspot.co....on-making.html (2011)

Nun möchte ich dieser Art de Unfallanalyse auf das Küstenkanuwandern übertragen. Aufmerksam auf diese Entscheidungstypologie machte mich shovelhead im SEEKAJAKFORUM:

www.seekajakforum.de/forum/read.php?1,78759

Leider wurde zu diesem Thema nicht sehr zielführend gepostet. Lediglich einmal unternahm Kan(g)oo kurz & knapp den Versuch:

www.seekajakforum.de/forum/read.php?1,78759,78797#msg-78797

die in der Literatur genannten Typen, die auf typische Entscheidungsmuster (sog. „Daumenregeln“) zurückzuführen sind, nämlich die Typen:
  • Familiarity
  • Consistency
  • Acceptance
  • The Expert Halo
  • Social Facilitation
  • Scarcity
als “vermeidbare Risiken” zu identifizieren und diese wie folgt zu klassifizieren:
  • Routinefahrten
  • Gruppendruck
  • blindes Vertrauen
  • gefährlicher Stolz
  • Herdentrieb
Diese Typologie soll nun hier aufgegriffen und entsprechend ergänzt werden. Dabei ist anzumerken, dass diese typischen Entscheidungsmuster in erster Linie nur Unfälle betreffen, die von erfahreneren Küstenkanuwanderern gemacht werden können. Die Ursachen von Unfällen also, die auf die Unbedarftheit, Unerfahrenheit, Unwissenheit, Inkompetenz und Blauäugigkeit zurückzuführen sind und die von Leute begangen werden, die eigentlich weniger Ahnung vom Küstenkanuwandern haben, werden hier nicht weiter analysiert.

Anfangen will ich hier mit den:

(1) Routineentscheidungen („Gewohnheit“)

Routineentscheiden beruhen auf Gewohnheiten, die nicht weiter hinterfragt werden, da sie sich in der Vergangenheit bewährt haben. Sie sind einem so vertraut, dass sie im Laufe der Zeit mit immer weniger werdenden Überlegungen durchgeführt und dabei schließlich von einer Einstellung geprägt werden, die rückblickend in totaler „Oberflächlichkeit“ endet.

Das betrifft z.B. die Fahrtenplanung zu Hause, den Ausrüstungscheck am Startort und die Fahrtendurchführung unterwegs auf dem Meer.

Die ersten Male wird alles bedacht:
  • das Revier,
  • das Wetter,
  • die Tide,
  • der Verlauf der Fahrwasser,
  • die einzuschlagenden Kurse,
  • die dabei zu erwartenden Gewässerschwierigkeiten.
Je häufiger wir dabei eine bestimmte Tour in einem bestimmten Revier durchführen, desto vertrauter wird sie uns. Schließlich ist es soweit, dass wir uns, keine große Sorgen über Wind, Gezeiten & Gewässerschwierigkeiten zu machen, in unser Seekajak setzen und kurz mal unsere geliebte, ach so vertraute Route ohne (aktuelle) Seekarte abpaddeln. Z.B. so wie jene erfahrenen Küstenkanuwanderer, die gegen Wind und Tide bei einsetzender Dämmerung mit unerfahrenen Kanuten die 8 km hinüber zu ihrer Lieblingsinsel paddelten und drüben nicht – wie gedacht – eine Stunde später anlandeten, sondern erst 4 Stunden später. Nun, alle sind heile auf der Insel angekommen, letztlich weil solche Fehler das Meer eher verzeiht, als das Wildwasser oder ein Lawinenhang.

Eine solche Routineentscheidung kann auch die Inspektion der Ausrüstung betreffen. So wird darauf verzichtet, auf die Vollständigkeit der Sicherheitsrausrüstung zu achten (z.B. Spritzdecke, Paddelsicherungsleine, Schleppleine, Schwimmweste, Seenotsignalmittel). Oder die Intaktheit der Ausrüstung wird im Laufe der Zeit in immer größer werdenden Abständen überprüft, bis schließlich die Ausrüstung gar nicht mehr inspiziert wird (z.B. die Steueranlage mit seinen Steuerseilen, Umlenkrollen, Schäkeln u.v.a.m., da sie doch bislang immer okay war). D.h. in Sachen Ausrüstung wird immer mehr „geschludert“. Das ändert sich erst dann, wenn etwas passiert, also etwas beim eigenen Seekajak oder bei einem Seekajak der Mitpaddler kaputt geht. So wird z.B. nicht mehr:
  • der Sitz der Steuerpedalen vor dem Start kontrolliert;
  • die Sitzluke vor dem Start daraufhin untersucht, ob lose Gegenstände in der Sitzluke beim Paddeln stören könnten;
  • der feste Sitz der Gepäcklukendeckel überprüft;
  • auf den richtigen Sitz der Spritzdecke und seiner Öffnungsschlaufe geachtet;
  • die Verschraubung eines verstellbaren Sitzes bzw. des Rückengurtes überprüft;
oder es wird z.B.:
  • versäumt, die Batterie vom GPS-Geräte, Handy, UKW-Sprechfunkgerät, Radio bzw. die dazugehörigen Reservebatterien vor der Tour aufzuladen;
  • mit einer immer älter, d.h. inaktueller werdenden Seekarte gepaddelt;
  • versäumt, vor dem Start die zentralen Positionen im GPS-Gerät einzugeben.
  • vergessen, nach dem Anlanden, spätestens vor dem nächsten Start den Schlitz des verstellbaren Skeg zu säubern;
  • nicht darauf geachtet, dass das Seekajak weit genug aus dem Wasser gezogen wird.
Das alles würde sicherlich nicht passieren, wenn wir eine Tour planten und durchführten, die in ein uns bislang unbekanntes Revier geht.

Gruß aus Hamburg:
__________________
Udo Beier
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  #2  
Alt 26.11.2013, 14:48
Schlumi Schlumi ist offline
Erfahrener Benutzer
 
Registriert seit: 26.02.2008
Beiträge: 371
Standard Risikobehaftete Entscheidungen

Hallo Udo!
Danke für den Beitrag, der zur Reflektion des eigenen Verhaltens animiert. - Bei dem Routineverhalten sollte noch ein Aspekt hinzugefügt werden: Die Dauer der Tour. Grundsätzlich ertappe ich mich bei Nachlässigkeiten besonders bei kurzen, spontanen Touren. Schnell einmal rüber zur nächsten Insel, wer denkt da schon an die Signalmittel, sieht genau auf die Steuerung? - Bei Tagestouren führt allein das Besorgen und Verstauen der Getränke dazu, über Mängel und Nachlässigkeiten zu "stolpern". - Bei Mehrtagestouren ist die Kontrolle der Ausrüstung und Abwägung der Risiken wesentlich intensiver...auch wenn es auf ein bekanntes Gewässer geht.

Insgesamt erkenne ich mich teilweise (leider) in deinen Ausführungen wieder.
Gruß
Schlumi
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  #3  
Alt 05.01.2014, 12:00
Udo Beier Udo Beier ist offline
Administrator
 
Registriert seit: 23.01.2007
Beiträge: 1.389
Unglücklich „Entscheidungsbindung“ (2)

Ahoi!

Neben den „Routineentscheidungen“ (1) gibt es noch weitere typische Entscheidungsmuster, die in erster Linie nur Unfälle betreffen, die von erfahreneren Küstenkanuwanderern gemacht werden können, z.B. die

"Entscheidungsbindung" („Sturheit“) (2)

Küstenkanuwandern ist eine „situative“ Sportart. Sie zeichnet sich dadurch aus, dass flexibel auf Änderung der Gewässerbedingungen zu reagieren ist, und zwar insbesondere dann, wenn eine Erhöhung der Gewässerschwierigkeiten zu einer Überforderung der Leistungsfähigkeit einzelner Mitpaddler führen könnte.

Schon der Beginn einer Tour kann davon betroffen sein. Nach stunden- oder gar tagelanger Anreise stehen wir am Startort und erleben kritische Gewässerbedingungen. Gerade wenn diese Bedingungen „grenzwertig“ sind, kann es vorkommen, dass dennoch gestartet wird, letztlich weil wir nicht die Kraft und nicht das Selbstwusstsein haben, unsere lange vorher festgelegten Plan an diesem Tag zu starten, zu korrigieren.

Ein Lösung dieses Problems kann übrigens ein „Start auf Probe“ bieten, d.h. wir starten mit der Auflage, wieder zurück zum Startort zu paddeln, um dann dort – nachdem jeder die Gewässerbedingungen selber erlebt hat – die Entscheidung zu treffen, ob nun endgültig gestartet werden kann oder doch noch eine Verbesserung der Gewässerbedingungen abgewartet werden soll. Von Vorteil ist es dabei, wenn der Startort Alternativen zum Paddeln bietet, z.B. eine Gaststätte bzw. einen Aufenthaltsraum, Besichtigungsmöglichkeiten, Zelt-/Übernachtungsmöglichkeiten oder eine Schiffspassage zur nächsten Insel (damit man wenigstens hinaus aufs Wasser kommt und nicht mehr länger auf dem Festland „festhängt“!).

Und unterwegs muss ebenfalls immer wieder situativ auf wechselnde Gewässerbedingungen reagiert werden. D.h. ein Kurs wird vorgegeben, da aber Wind, Welle & Strom anders eintreffen, als erwartet wurde, sind immer mal wieder Korrekturen am Kurs bzw. der Pausenplanung bzw. der Zielvorgabe vorzunehmen. Das ist typisch für das Küstenkanuwandern und es ist kein Zeichen von Inkompetenz oder Wankelmütigkeit, wenn ein Fahrtenleiter öfters seinen Plan ändert, d.h. seine Kursangaben korrigiert. Trotzdem können allzu häufige Kurskorrekturen die Mitpaddler so beunruhigen, dass sie schließlich an der Kompetenz ihres Fahrtenleiters zweifeln. Das merkt auch ein Fahrtenleiter. Überfordert ihn die Tour, kann es durchaus passieren, dass er Stärke & Kompetenz demonstrieren will und mit einem Mal irgendwann unterwegs an seinem Plan, d.h. an seiner vorher allen Teilnehmern mitgeteilten Entscheidung stur festhält, obwohl sie eigentlich erneut korrigiert werden müsste.

Alles Gute für die 14er Paddelsaison:
__________________
Udo Beier

Geändert von Udo Beier (15.01.2014 um 11:52 Uhr)
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  #4  
Alt 15.01.2014, 21:58
Udo Beier Udo Beier ist offline
Administrator
 
Registriert seit: 23.01.2007
Beiträge: 1.389
Pfeil Entscheidungsanpassung (3)

Ahoi!


Ja, was ist denn unter dieser dritten Variante risikobehafteter Entscheidungen zu verstehen:


„Entscheidungsanpassung“ („Unterordnung“) (3)


Gruppenfahrten entlang der Küste laufen anders ab als Solo-Touren. Sie erfordern immer eine Abstimmung unter den Mitpaddlern, und zwar was den Startzeitpunkt, die Routenwahl, die Pausengestaltung und die Wahl des Übernachtungsplatzes betrifft


Die Abstimmung kann nun „stillschweigend“ erfolgen, d.h. wir als einzelne akzeptieren stets, was die Gruppe oder der Fahrtenleiter vorgibt („Entscheidungsanpassung“). Der Grund für solch ein Verhalten kann darin liegen:
  • dass wir in einer Gruppe nicht negativ auffallen wollen („Gruppendruck“);
  • bzw. dass wir dem Fahrtenleiter voll vertrauen („Autorität“)
  • oder dass wir dem Fahrtenleiter nicht in seine Fahrtenplanung hineinreden wollen („Solidarität“).
Durch unser Schweigen tragen wir dazu bei, dass in der Gruppe keine „Unruhe“ entsteht und der „Zusammenhalt“ der Gruppe nicht gefährdet wird. Wissen wir doch nicht im Voraus, ob unsere Bedenken zu unüberbrückbaren Meinungsverschiedenheiten führen, und zwar von Meinungsverschiedenheiten, die letztlich dazu führen, dass sich Untergruppen bilden, die sich mehr oder weniger schnell verselbständigen.


Andererseits kann das Ansprechen bestimmter Probleme - z.B. was die Einschätzung der Gewässerschwierigkeit betrifft - zur eigenen „Beruhigung“ beitragen. Schon aus diesem Grund sollten einzelne Mitpaddler dazu ermuntert werden, ihre Bedenken zu äußeren; denn aus Bedenken kann leicht „Angst“ entstehen und ein ängstlicher Paddler stellt ein zusätzliches Sicherheitsproblem bei einer Fahrt dar, zum einen weil er nicht mehr so locker & sicher paddeln wird und zum anderen weil er der Betreuung durch Dritte bedarf, die u.U. genug mit sich selber zu tun haben.


Auf alle Fälle geschieht Schweigen auf Kosten der Sicherheit, wenn berechtigte Einwände i.S. Sicherheit nicht vorgetragen werden; denn was nicht kritisiert wird, kann nicht diskutiert werden, und was nicht diskutiert wird, kann nicht insoweit abgewogen werden, ob nun ein Sicherheitsrisiko besteht oder nicht und wie auf das Sicherheitsrisiko zu reagieren ist.


Wenn wir also das Risiko einer Küstentour möglichst niedrig halten wollen, ist es folglich wichtig, dass Einwände stets vorzutragen sind. Jedoch sollten wir dabei so vorgehen, dass aus unserem Einwand kein Vorwurf abzuleiten ist:
  • Eine Formulierung wie „Ich habe Angst bei dieser Wetterlage hinauszupaddeln ….“ klingt sicherlich weniger aggressiv als das Statement „Ich halte es für unverantwortlich, uns hier bei diesen Brechern aufs Wasser zu jagen!“
  • Wenn dann in dieser Angelegenheit im ersten Anlauf zunächst der Fahrtenleiter allein, also abseits der Gruppe angesprochen wird, dürfte das persönliche Anliegen sicherlich weniger provozierend aufgenommen werden.
Anschließend liegt es an den Mitpaddlern bzw. dem Fahrtenleiter zu reagieren, jedoch so, dass der den Einwand vortragende Mitpaddler nicht bloß gestellt wird.


Wichtig ist, dass die Berechtigung von Einwänden ernsthaft geprüft und gegebenenfalls nach Lösungsmöglichkeit, d.h. nach Auswegen gesucht wird.


Ideal wäre es, wenn der Einwand vor dem Start vorgetragen wird; denn dann hätten wir zum Diskutieren nicht nur noch etwas Zeit, sondern wir hielten uns dann auch noch in einer Umgebung auf – nämlich an Land und nicht auf dem Wasser -, wo wir unsere Einwände vortragen können, ohne dass Wind- bzw. Seegangsgeräusche die Verständigung erschweren.


Die Diskussion an Land gibt dem Fahrtenleiter auch die Chance, statt seine Mitpaddler zu überreden, ihnen die Möglichkeit zu bieten, in dieser Angelegenheit eigene Erfahrungen zu sammeln, und zwar in dem er seiner Gruppe vorschlägt, unter der Bedingung eine Probefahrt hinaus in den kabbeligen Seegang und bei dem böigen Wind zu unternehmen, dass anschließend wieder zum Startort zurückgekehrt wird, um dann gemeinsam zu besprechend, ob die Gruppe immer noch die Gewässerbedingungen für zu kritisch erachtet.


Eine andere Möglichkeit zur Gefahreneinschätzung & -minderung besteht darin, die Tour so zu legen, dass wir zwischendurch immer wieder die Möglichkeit haben, uns von den Strapazen & dem Stress der Tour zu erholen (z.B. im Windschatten von Inseln) oder dort die Tour für diesen Tag ganz abzubrechen. D.h. die Tour wir in Unterabschnitte unterteilt, die einzeln angegangen und abgehakt werden können. Und wenn das nicht möglich ist, ist nach einer anderen Route, die auch zum selben oder einem anderen Ziel führt, Ausschau zu halten.


Gruß aus Hamburg:
__________________
Udo Beier
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  #5  
Alt 03.02.2014, 15:49
Udo Beier Udo Beier ist offline
Administrator
 
Registriert seit: 23.01.2007
Beiträge: 1.389
Frage Imitationsentscheidungen (“Herdentrieb“) (4)

Ahoi!

Was ist denn nun unter dieser vierten Variante „risikobehafteter Entscheidungen“ zu verstehen:

Imitationsentscheidungen“ („Herdentrieb“) (4)?

Ich paddelte einst an einem verlängerten Wochenende mit einer Gruppe rund Neuwerk. Da rief ein Kanute bei mir zu Hause und erkundigte sich, ob ich denn unterwegs auf dem Wasser sei, obwohl doch Gewitter vorhergesagt werden. Als ihm gesagt wurde, dass ich dennoch losgepaddelt sei, verabschiedete sich der Kanute, merkte aber zum Schluss an, dass er dann wohl auch lospaddeln werde!? Ja, das ist der für mich krasseste Fall einer „Imitationsentscheidung“, der ich je begegnet bin. Ein etwas harmloserer Fall ist jener:

Wir erreichen den Ausgangspunkt (am Festland oder auf einer Insel), von dem wir zu einer mehrtägigen Tour hinaus aufs Meer starten wollen. Es windet & wellt stärker als uns lieb ist bzw. der Seewetterbericht prognostiziert Gewässerbedingungen, die für uns grenzwert sind. Was uns bleibt ist:
  • der Abbruch der Tour (d.h. nach z.B. einer 3-stündigen Anreise folgt eine 3-stündige Rückreise),
  • ein Ausweichen auf ein anderes Revier (z.B. von der Nordsee an die Ostsee) oder eine andere Route (z.B. statt Offshore wird nun im Wind- & Wellenschutz von Inseln gepaddelt),
  • u.U. eine Fährfahrt zur nächsten Insel (damit wir wenigstens schon etwas Meeresluft schnuppern können),
  • ein Abwarten (vielleicht ändern sich ja im Laufe des Tages während der Niedrigwasserphase die Gewässerbedingungen),
  • oder ein Notbiwak (mit der Aussicht, am nächsten Tag doch noch starten zu können).
Da trifft plötzlich eine andere Gruppe von Küstenkanuwanderern am Startort ein, holt die Seekajaks von den Autos, verstaut in den Seekajaks das Gepäck und paddelt los. Dann kommt die nächste Gruppe, die packt, startet und verschwindet schließlich mit ihren Seekajaks am Horizont usw. usf. Wetten, irgendwann werden wir schwach und setzen uns auch in unsere Seekajaks?

Außer es tritt plötzlich die folgende Situation ein: Eine Gruppe kommt per Pkw angefahren, packt die Seekajaks, schnallt aber anschließend die Bootswagen unter die Boote und wartet auf die nächste Fähre bzw. verschwindet hinterm Deich, um dort zu biwakieren.

Richten wir unsere Entscheidung an den Entscheidungen anderer aus, liegt eine „Imitationsentscheidung“ vor. Solch ein Entscheidungsmuster kann nicht von vornherein als kritisch betrachtet werden, zumindest solange nicht, wie wir die anderen nicht „blind“ imitieren bzw. wie wir uns dadurch nicht in Gefahr begeben.

„Imitationsentscheidungen“ treffen eher die „unsicheren“, weniger erfahrenen Küstenkanuwanderer. Sie greifen auf die Erfahrungen Dritter zurück und profitieren auf diese Weise von deren Erfahrungsschatz. Solange sie die Entscheidungen Dritter kritisch hinterfragen und dann eine eigene Entscheidung treffen, und zwar eine Entscheidung, die die Leistungsfähigkeit der eigenen Gruppe in den Mittelpunkt stellt, ist das okay.

Gruß aus Hamburg:
__________________
Udo Beier
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  #6  
Alt 21.02.2014, 19:22
Udo Beier Udo Beier ist offline
Administrator
 
Registriert seit: 23.01.2007
Beiträge: 1.389
Pfeil Innovationsentscheidungen („Erstbefahrungen“) (5)

Ahoi!

Und was ist denn unter dieser fünften Variante „risikobehafteter Entscheidungen“ zu verstehen:

„Innovationsentscheidungen“ („Erstbefahrungen“)?

Das Streben, etwas zu paddeln, was wir bislang noch nicht getan haben bzw. was vorher noch niemand anderes getan hat, kann zu „Innovationsentscheidungen“ führen. Dritte ordnen solche Entscheidungen recht schnell jenen Handlungen zu, die in erster Linie durch die „Außenwirkung“ motiviert werden. Wir erkennen solche Kritiker vielfach daran, dass sie die „Innovatoren“ für nicht mehr normal, sozusagen für „verrückt“ erklären, und dabei am Rande anmerken, dass sie selber so etwas „nicht nötig“ hätten.

Natürlich wollen „Innovatoren“ „Aufmerksamkeit erlangen, zumindest im Kreise von Gleichgesinnten. Und wenn sie nicht um „Aufmerksamkeit“ buhlen, so könnte es sich dabei auch um eine andere, eine „passivere“ Variante handeln, nämlich Dritten einfach zu „gefallen“.

Der Hang zu Innovationsentscheidungen kann beeinflusst werden:
  • vom Prestigestreben;
  • aber auch vom „Streben nach Abwechslung“, das in seiner einfachsten Ausprägung irgendwann dazu führt, mal andere Übernachtungsplätze anzulaufen, eine andere Route zu paddeln bzw. ein anderes Revier zu erkunden, statt immer und immer wieder dasselbe zu tun (==> „Routineentscheidungen“);
  • vom Wunsch, die Langeweile zu bekämpfen bzw. erst gar nicht aufkommen zu lassen;
  • von einer ausgeprägten Neugierde, Neues zu entdecken und etwas Neues zu machen, und zwar was nicht nur neu für einen selber ist, sondern bislang von keinem aus seinem Verein, Verband oder Land bzw. von einem anderen auf der Welt bislang getan wurde, wobei die Kriterien für eine solche „Erst“-Befahrung recht mannigfaltig sein können, z.B. Sommer- bzw. Winter-Befahrung, Nacht-Befahrung, Non-Stop-Befahrung, Befahrung ohne fremde Hilfe, ohne Segelunterstützung, erste Gruppen- bzw. Solo-Befahrung, … erster Mann bzw. erste Frau oder erstes „Pärchen“, erste Befahrung mit Kajak, Kanadier, Outrigger oder SUP ….
  • von einer Art „Anti-Imitationsverhalten“, also einem Verhalten, dass dazu führt, sich genau dagegen zu entscheiden, was die anderen tun, z.B. wenn alle andere wegen der Wetterlage nicht aufs Meer hinaus paddeln, dann entscheiden wir uns dazu, doch zu starten;
  • von einer Art „Abenteuerlust“, einer „Lust, sich zu quälen“, bzw. dem „Wunsch, seine eigenen Grenzen kennen zu lernen";
  • bzw. auch vom Wunsch, die Lustgefühle, die wir bei unseren bisherigen Innovationsentscheidungen erfahren haben, zu steigern.
Früher wurden solche Innovationsentscheidungen auch davon bestimmt, etwas zu entdecken, was der Gemeinschaft von Nutzen sein könnte. Aber dieses „Entdeckerstreben“ konnte schon früher nur recht selten unter Einsatz eines Kanus befriedigt werden, geschweige denn heute, wo jeder Winkel unserer Erde bekannt & erforscht ist.

Ja, und was ist das Kritische an einer Innovationsentscheidung? Wo liegt das Risiko? Nun, bei „Erstbefahrungen“ begeben wir uns ganz bewusst auf unbekanntes Gebiet. Wir hoffen, dass wir es trotz aller Schwierigkeiten schaffen werden. Wir setzen auf unsere Erfahrungen und unser Können, wohl wissend, dass beides nicht immer genügen wird. Wir bauen darauf, dass das Glück uns dabei nicht verlassen bzw. das Pech weniger dramatische Folgen nach sich ziehen wird. Aber wir können uns nicht darauf verlassen, dass wir eine „Erstbefahrung“ sicher überstehen werden. Trotzdem nehmen wir das Risiko zu scheitern in Kauf bzw. wir blenden das Risiko einfach aus, ignorieren es. Das stärkt unser Selbstvertrauen, nimmt uns Angst & Zweifel und motiviert uns, das zu wagen, von dem wir schon länger träumen.

Solange wir nur „Gleichgesinnte“ zum Mitmachen animieren, muss das wohl hingenommen werden. Die „Innovatoren“ gehören halt genauso zu unserem Leben wie die „Imitatoren“.

Gruß aus Hamburg:
__________________
Udo Beier
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